Indian Rainbows

Die Stadt in den Wolken – Kalimpong

Kalimpong ist eine langweilige Kleinstadt. Das Bielefeld Indiens quasi. Denkt man auf den ersten Blick. Aber damit tut man der Stadt nicht ganz recht. Uniformliebhaber werden die Stadt auf jeden Fall lieben. Es gibt extrem viel Militär und viele Schulen. Schon in der Kolonialzeit haben sich die Schulen hier angesiedelt, Bildung ist der Hauptwirtschaftszweig Kalimpongs und nachmittags ist die ganze Stadt voll von Teenagern in Schuluniform.

Außerdem ist die Stadt ein religöser und politischer Hotspot. Es gibt mehrere große Kirchen, einen Krishna geweihten Ashram, mehrere Hindutempel, eine Moschee und Klöster aller vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus. Kalimpong liegt im Fünfländereck. Bhutan, Nepal, Bangladesh und Tibet (China) sind jeweils nur wenige Autostunden entfernt. Da die Beziehung zwischen Indien und China nicht gerade entspannt ist, ist die ganze Region militärisch ausgebaut, täglich fahren Konvois von Truppentransportern durch die Stadt und die Armee betreibt Stützpunkte bis in 4500 Meter Höhe, nur noch wenige Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt.

Die traditionelle Handelsroute von Tibet (China) nach Indien führt durch Kalimpong und früher war hier ein Markt, auf dem Waren aus Tibet gehandelt wurden. Jetzt ist die Grenze dicht und statt der Händler gibt es (den Einheimischen zufolge) jetzt sehr viele indische, chinesische und tibetische Agenten hier. Außerdem wohnt hier der Bruder des Dalai Lama, der Nudelmacher von Kalimpong, der in der Tat so etwas wie ein Geheimagent war und im regen Kontakt mit der CIA und den Chinesen stand.

Ich bekomme davon allerdings nur wenig mit. Die meiste Zeit sitze ich auch meiner Veranda, arbeite, surfe und genieße den Blick auf Kalimpong. Einen schöneren Arbeitsplatz habe ich noch nie gehabt, jeden Abend gibt es einen spektakulären Sonnenuntergang. Besonders jetzt, da die Regenzeit endlich vorüber ist. Die war von Juli bis September und die größte Unanehmlichkeit war dabei nicht der Regen, sondern der Nebel. Während des Monsun ist Kalimpong eine Stadt in den Wolken und Wäschetrocknen nahezu unmöglich. Jetzt allerdings, ist es meistens klar und Regen selten, man mag es kaum glauben, aber hier ist der Winter die schöne Jahreszeit.

Obwohl ich am liebsten die meiste Zeit auf meiner Terrasse verbringen würde, muss ich aber doch ab und zu in die Stadt, um Obst, Milchpulver und Käse zu kaufen oder um zum Arzt zu gehen. Das ist aber eigentlich auch kein Umstand. Die Reise kostet 10 Rupien (12 Cent) mit einem der Shared Taxis, die alle naselang kommen und es dauert keine zehn Minuten bis ich in der Stadt bin. Die Taxis sind kleine Suzuki Busse, in die in Deutschland allerhöchstens 4 Personen passen würden. In Indien ist das natürlich anders, im Extremfall muss ich mich mit acht anderen Passagieren in das Auto quetschen. Selbst das ist nicht wirklich unangenehm, irgendwie ist es immer lustig mit den Taxis zu fahren.

Unangenehm waren dagegen die Zahnschmerzen die ich schon ein paar Wochen hatte und die jetzt immer schlimmer wurden. Am Anfang konnte ich sie noch ignorieren, doch irgendwann wurde mir klar: Ich muss zum Zahnarzt! Also habe ich mich schweren Herzen auf den Weg gemacht. Ich war in Indien schon ein paar mal beim Arzt und habe eigentlich durchweg gute Erfahrungen gesammelt. Aber ein Zahnarztbesuch ist doch noch etwas anderes. Potenziell sehr schmerzhaft. Verwenden sie in Indien überhaupt Betäubungsspritzen?

Angekommen, sieht aber alles aus wie beim Zahnarzt in Deutschland auch. Nur ein bisschen kleiner und älter. Aber der gleiche Geruch und die gleichen nervösen Gesichter im Wartezimmer. Außer mir warten noch vier Frauen, die allerdings jeweils zu zweit in das Behandlungszimmer gehen. Arztbesuche sind in Indien Familiensache. So werde ich schon nach zehn Minuten vorgelassen und über die Neugier wie das Behandlungszimmer aussehen mag, habe ich meine Nervosität schon fast vergessen.

Aber wie gehabt, die Geräte sind alle etwas älter, das Zimmer klein, aber alles ist sauber und aufgeräumt. Und ob Bohrer und Zange jetzt alt oder neu sind spielt eigentlich keine große Rolle, viel wichtiger ist doch wer sie bedient. Der Zahnarzt ist zwar auch schon etwas älter, er hatte aber genau die ruhige, kompetente und fürsorgliche Ausstrahlung die man sich von einem Arzt wünscht und die man in Indien viel häufiger als in Deutschland bekommt.

Ich habe mich also ohne allzu große Bedenken in den Behandlungsstuhl gesetzt, der Zahnarzt hat ein großes Loch in einem Weisheitszahn gefunden, mir ganze drei Betäubungsspritzen gegeben, gebohrt und schließlich eine provisorische Plombe verfüllt. Fertig, fast ganz ohne Schmerzen, es hätte nicht besser laufen können. Gekostet hat mich das 300 Rupien, ziemlich genau vier Euro. Zahnarztbesuch in Indien ist definitiv zu empfehlen. Wenn etwas Größeres ansteht investiert man einfach einen Teil des Zahnarzthonoras in einen Flug nach Indien und verbindet die neuen Zähne mit einem schönen Urlaub. In Kochi habe ich mal ein britisches Ehepaar getroffen, die das schon seit Jahren so machen.

Ich war aber natürlich trotzdem ziemlich erleichtert, dass ich so glimpflich davongekommen bin, hab noch schnell Obst, Käse und Milchpulver besorgt, ein Shared Taxi zurück zum Kloster genommen und den restlichen Tag auf meiner Veranda verbracht.

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