Indian Rainbows

Ein Tag im Kloster

Mittlerweile bin ich schon über eine Woche in der Diwakar Buddhist Academy (DBA) und allmählich gewöhne ich mich an denn Klosteralltag. Die DBA ist eine Shedra, eine Hochschule für die Mönche, die hier einen zehnjährigen Studiengang in buddhistischer Philosophie absolvieren. Die Studentschaft ist international besetzt. Neben Exiltibetern und Vertretern der Anrainerstaaten Bhutan, Nepal und China studiert hier auch der eine oder andere Europäer und Taiwaner. Lehrsprache ist tibetisch, doch damit die Absolventen auch mit normalen Menschen über die buddhistische Lehre, Dharma, sprechen können, stehen auch Englisch und Hindi auf dem Lehrplan.

Nach dem Ende des Studium stehen den Studenten unterschiedliche Wege offen. Manche gehen zurück in ihrer Heimat und werden dort buddhistische Lehrer oder engagieren sich sozial, wer einen besonders guten Abschluss hat kann eine Laufbahn als Dozent an der Shedra anstreben. Wer allerdings Lama werden möchte, hat seine Ausbildung mit dem Studium noch nicht abgeschlossen. Um die philosophische Bildung mit spiritueller Erfahrung zu komplementieren, muss noch ein dreijähriges Retreat durchlaufen werden.

Aber bis es soweit ist müssen die meisten Mönche noch eine Menge Philosophie lernen. Denn bis zum Abschluss heißt es lernen, lernen und beten und dann wieder auswendig lernen! Der Tag der Studenten fängt früh, mit anderthalb Stunden Stillarbeit von 5 Uhr bis 6:30, gefolgt von einer einstündigen Puja, einer Andacht zu Ehren Manjusris, dem Bodhisattwa der Gelehrsamkeit. Ich stehe meistens erst auf, wenn die Puja schon fast zu Ende ist, gerade Rechtzeitig zum Frühstück um halb acht. Das Essen ist recht einfach, schmeckt aber nicht schlecht und es wird  wohl auch nach Bio-Richtlinien produziert. Morgens gibt es oft Tsampa, geröstetes Gerstenmehl oder Chapati mit Butter, dazu wird tibetischer Buttertee, Po Cha, getrunken.

Was Essen angeht bin ich sehr flexibel, aber dennoch bin ich froh, dass ich mir in meinem Zimmer noch eine Kaffee machen kann. Kein Morgen Kaffee, sonst werde ich nicht wirklich wach.

Die Zeit bis zum Mittagessen nutze ich dann meist zum meditieren und zur Unterrichtsvorbereitung, die Studenten haben von 8-12 Vorlesungen.

Mittags und Abends gibt es als Grundlage meist Reis und Linsen (Dal), dazu ein oder zwei Gemüsegerichte. Das entspricht wahrscheinlich ziemlich genau der Ernährung, eines Großteils der indischen und auch der Welt Bevölkerung. Die Hülsenfrüchte sorgen für das Protein, der Reis für die Kohlehydrate und das Gemüse sorgt für Vitamine und ein bisschen Abwechslung. Am Wochenende, allerdings gehe ich dann auch mal gerne bei der französischen Bäckerei vorbei und gönne mir einen Brioche.

Um eins fängt dann meine erste Unterrichtsstunde an, Englisch für Anfänger. Das Klassenzimmer ist, wie es in einem buddhistischen Kloster zu erwarten war, nicht bestuhlt. Die Studenten sitzen auf einfachen Meditationskissen, ich als erhabener Lehrer darf auf einem kleinen Podest Platz nehmen.

Fast alle meine Schüler kommen aus Bhutan, sie sind um die fünfzehn Jahre und gerade im ersten Jahr an der Shedra. Wie zu erwarten sind sie neugierig auf die Welt draußen, Bhutan  und auch Kalimpong sind ja relativ abgeschieden und obwohl sie fast alle Smartphones haben, haben sie bisher nur wenig Kontakt zu echten Ausländer gehabt. Ein paar Schüler können sich halbwegs auf Englisch verständigen, die Meisten sprechen allerdings fast gar kein Englisch. Da sie auch von Erdkunde, Physik oder anderen Naturwissenschaften keinen blassen Schimmer haben, verknüpfe ich das Englisch einfach mit einem Kurs in Allgemeinbildung.

Direkt anschließend, von zwei bis drei unterrichte ich fortgeschrittene Studenten, die nur noch anderthalb Jahre bis zu ihren Abschluss brauchen. Sie haben schon ein paar Jahre Englischunterricht gehabt und können sich daher halbwegs verständigen. Für diesen Kurs habe ich ein vorgegebenes Lehrbuch mit Texten, inhaltlichen Fragen und Grammatikübungen. Das erleichtert meine Vorbereitung natürlich deutlich.

Um drei habe ich auch schon Feierabend. Im Speisesaal gibt es dann Chai und ich treffe mich mit meiner Kollegin, der anderen Englischlehrerin und quatsche noch ein bisschen.

Von vier bis halb sechs sammeln sich die Studenten dann im Hof und disputieren. Dabei steht einer der Studenten im Mittelpunkt, die Anderen stehen um ihn herum und stellen Fragen. Dabei wird jede Frage mit einem Händeklatschen bekräftigt wird. Der Inhalt der Dispute erinnert mich dabei ein wenig an die Scholastik. Es wird mittels Syllogismen über philosophische und buddhistische Begriffe gesprochen und so versucht die Wahrheit zu ergründen.

 

Die zweite Puja des Tages beginnt dann um sechs. Sie ist Mahakala gewidmet, dem Schützer der Karma Kagyü Tradition. Anschließend gibt es direkt das Abendessen, wie mittags gibt es meistens Reis, Linsen und etwas Gemüse. Nach dem Abendessen ist noch lange kein Feierabend, von 20:00 bis 21:30 steht Stillarbeit auf dem Stundenplan, erst danach gibt es noch eine Stunde Freizeit. Die Glocke zur Nachtruhe läutet um halb elf. Ich mache dann meistens noch meine Abendmeditation, bevor ich gegen Mitternacht auch ins Bett gehe.

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