Indian Rainbows

Meditationsinvaliden bleibt nur die Selfiesektion

Seit über eine Woche kann ich jetzt schon nicht mehr auf der rechten Seite liegen. Auf dem Bauch nur mit Schmerzen. Schon ein leichtes Niesen verursacht Qualen. Eigentlich hatte ich mich mit meinem monastischen Lebensstil vor solchen Verletzungen in Sicherheit gewähnt, denn beachtliche destruktive Kräfte müssen auf den Brustkorb einwirken, damit sich eine Rippenprellung einstellt.

Meine erste Rippenprellung habe ich mir, neben einer aufgeplatzten Lippe und einem zugeschwollen Auge, zugezogen, als ich mit meinem Freund Alan Fight Club gespielt habe. Das war am Fakultätstag 2007, nachdem wir sämtliches Freibier, das der Fachbereich Physik uns zur Verfügung stellen wollte, zügig weggesoffen hatten und uns mein damaliger Diplomand (er ist mittlerweile auch Doktor) dazu überredet hat in die Alte Kantine zum Eulenschießen zu
fahren. Unter den Gleisen der U2 ist es dann passiert. Fight Club war übrigens äußerst ansteckend, nachdem ich mir meine Prügel abgeholt hatte, hat jeder in unsere Gruppe auch noch sein Glück gegen Alan versucht.

Meine zweite Rippenprellung habe ich mir letztes Jahr zugezogen, als ich auf einem naß-rutschigen Radweg viel zu schnell um die Kurve bin. Ich bin ein paar Meter über denn Asphalt gerutscht und mein ganzer Unterarm war aufgescheuert, tiefrot und blutig. Die Rippenprellung war dabei noch meine geringste Sorge. Immerhin konnte ich mich noch zur nächsten S-Bahn Haltestelle schleppen und ohne Hilfe nach Hause kommen.

Und jetzt also beim Meditieren. Ihr fragt euch jetzt bestimmt, wie so etwas überhaupt passieren kann. Sitzt man beim Meditieren nicht nur rum, auf dem Boden, noch dazu auf einem weichen Kissen?

Nun, es kommt darauf an. Im tibetischen Buddhismus sind Verbeugungen ein fester Bestandteil der religiösen Praxis. Man wirft sich mindestens dreimal auf den Boden, wenn man einen Tempel betritt und es gibt Pilger die ganz Tibet durchqueren und sich dabei alle zwei Meter flach auf den Boden legen. Verglichen damit ist der Jakobsweg für
Anfänger.

 

Als überzeugter Buddhist musste ich natürlich auch irgendwann mit den Verbeugungen anfangen, sie sind schließlich der erste Teil der vier vorbereitenden Übungen, Ngöndro. Ohne Ngöndro darf man kein Tantra machen, man kommt daran also nich vorbei. Das Dumme ist nur, dass jede Übung 111.111 mal wiederholt werden muss. Das dauert.

Denn wenn man es bei 108 Verbeugungen täglich belässt, braucht man ungefähr drei Jahre, um die erste Übung zu absolvieren. Also zwölf Jahre für alle vorbereitenden Übungen! Schafft man dagegen 500 täglich braucht man keine acht Monate! Und es soll tatsächlich Mönche geben, die über 3000 Verbeugungen pro Tag schaffen und die erste Übung dann tatsächlich in einem Monat hinter sich bringen.

Also habe ich angefangen. Eigentlich moderat, jeden Tag so 400 bis 500. Eines Tages bin ich etwas heftig auf dem Boden aufgekommen. Es hat ein bisschen geknirscht, ein kleines bisschen weh getan, aber eigentlich nicht so, dass ich mir Sorgen gemacht, geschweige denn mit den Verbeugungen aufgehört hätte. Beim Mittagessen habe ich dann einen sanften Schmerzen auf den Rippen gespürt, was mich natürlich nicht davon abgehalten hat mich später weitere zweihundertmal auf den Boden zu werfen.

Ein folgenschwerer Fehler. wie ich nur zu spüren musste. Zwei Stunden später konnte ich meinen Arm kaum noch heben. Da fiel der Groschen. Es ist wie gesagt nicht meine erste Rippenprellung und ich weiß mittlerweile das durchaus sechs Wochen oder mehr ins Land ziehen können, bis die Schmerzen wieder verschwunden sind.

Aber Verbeugungen sind eh out. Ich mach jetzt eine andere Übung gegen Stolz. Dem habe ich ja mein Leiden auch zu verdanken. Zum Glück hatte ich gerade ein Buch von Shamar Rinpoche gelesen: Lojong the seven points of mind training. Und für Lojong muss ebenfalls eine vorbereitende Übung gegen Stolz absolviert. Aber die Meditation funktioniert völlig anders.

Ich fange mit einem mentalen Selfie an, stelle mir den eigenen Körper vor, so wie man ihn am besten finde, von meiner allerbesten Schokoladenseite. Doch anstatt den Selfie jetzt auf Instagram oder Facebook zu posten, fange ihn nun an ihn zu zerlegen. Tatsächlich. Fast so wie ein Gerichtsmediziner. Allerdings geht es nicht darum einem Killer auf die Spur zu kommen, ich fahnde nach dem Ego, meinem Ich.

Haut, Herz, Blut und Knochen jedes Körperteil nehme ich genausten unter die Lupe genommen. Wo steckt es? Vielleicht in der Lunge? Im Auge? Natürlich im Hirn wird so mancher Denken. Aber wo genau? Und ist mein Hirn ohne meinen Körper überhaupt denkbar? Bin ich in meinen Gefühle, Gedanken, in meinem Bewusstsein? Bin ich mein Sehen? Oder Hören? Meine Liebe? Meine Ängste?

Fahndung vergeblich. Dem Ich ist nicht beizukommen. Das Ganze ist zwar mehr als die Summe seiner Teile, aber so wirklich fest festlegen lässt sich das Ganze auch nicht. Ich bleibe ich, ohne das Urin in meiner Blase, auch ohne meine Arme oder Beine. Ohne mein Herz?

Man kann das ganze auch in weiter vertiefen, das Ich in den Zellen, den Neuronen suchen. Der Körper zerteilen, bis in die Elementarteilchen. Nirgends gibt es ein Ich. Die Gene! Sie machen mich doch zu dem was ich bin. Aber mein Zwilling wäre ein eigenständiger Mensch. Mit allen anderen Menschen teile ich immerhin noch mindestens 99,9% meines Erbguts. Mit den Mäusen immerhin noch 97%. Und mein eigener Körper umfasst etwa zehnmal so viele Bakterien mit fremder DNA wie eigene Zellen. Ohne sie würde ich sterben.

Kann man so noch von Ich sprechen? Oder wäre es nicht besser von Nicht-Ich zu sprechen und so zu verstärken, dass Ich nicht unabhängig existiert und keinen festen, unwandelbaren Kern, keine Seele hat. Der Buddhismus sagt das. Die Wissenschaft unterstützt das offensichtlich. Ist das Ich also in Wirklichkeit eher so etwas wie eine optische Täuschung? Ein Fata Morgana, der zu folgen in die Verblendung führt.

Sicher ist auf jeden Fall, dass Selfiesektion eine sicheres Mittel gegen Narzissmus ist. Und damit auch gegen viele Ängste. Wenn ich mich im Spiegel betrachte und darin die Näherin aus Bangladesch sehe, die meinen Hose genäht hat, den Bauer, der mein Essen angebaut hat und meinen Körper als aus einem Haufen separater Wesen zusammengesetzt nehme ich mich selbst nicht mehr so wichtig. Und bin so einfach(er) zufrieden(er).

 

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