Indian Rainbows

Sonntags auf der Wache

Auf dem Tagesprogramm für Sonntag steht nur ein großer Programmpunkt – auf die Polizeiwache und den First Information Report (FIR) aushändigen lassen.

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Da bin ich aber froh!

Ich habe immer noch Jetlag und wache erst nach 12 auf. Dann aber gehts direkt los zur Polizeiwache Ice House, in deren Nachbarschaft ich den Pass verloren hatte.

Mein erster Anlaufspunkt: Ice House, Triplicane.

Mein erster Anlaufspunkt: Ice House, Triplicane.

Ich betrete die Wache und beschreibe dem diensthabenden Wachtmeister mein Anliegen. Das dauert eine Weile, da er nur mäßig gut Englisch spricht. Nachdem er verstanden hat, was passiert ist, sagt er: „Ok sir, please come back at 6pm. Then someone will be waiting for you.“ Davor nimmt er, dass passiert unweigerlich sobald man einen Polizisten anspricht, meine Personalien auf.

Vier Stunden in Chennai

Na gut, vier Stunden Zeit, aber in Chennai bietet ja genügend Möglichkeiten sich zu zerstreuen.  Mich zieht es an den Strand, einen der ruhigsten Orte hier. Dort gönne ich mir ein leckeres Biryani und entspanne ein bisschen in der Sonne.

Danach möchte ich nach Tenampetnehman. In diesem Stadtteil soll man relativ gut Instrumente kaufen können und ich wollte mir in Indien ja extra eine Gitarre kaufen. Ich halte ein Tuktuk an und versuche dem Fahrer zu erklären, wo ich hin will. Doch der versteht nur Bahnhof, zumindest tut er so. Aber „musical instrument“ versteht er und zufälligerweise kennt er da was direkt um die Ecke …

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Ein beschaulicher Markt in der nähe des Strands

Doch leider hat der Laden geschlossen. Aber in der Werkstatt arbeiten Leute. Die Räume sind dunkel und an den Wänden hängt eine Sitar neben der anderen. Zwei Instrumentenbauer sitzen auf dem Boden und bearbeiten halbfertige Instrumente. Das ist sehr interessant und ich würde gerne ein paar Photos machen. Doch mein Fahrer drängt zum Aufbruch!

Er will mir Sehenswürdigkeiten zeigen, aber ich möchte lieber in ein Photostudio. Passphotos – biometrische für den deutschen Pass, quadratische für das indische Visum. Denn umso besser ich vorbereitet bin, desto schneller habe ich mein Visum und kann weiter reisen. Zufälligerweise ist direkt nebenan ein Photostudio und nach einer halben Stunden habe ich tip top Photos!

Eine dringliche Angelegenheit

Danach bitte ich den Fahrer mich zur Wache zu fahren, die verbleibenden zwei Stunden möchte ich im Internet verbringen.
Doch dann meldet sich überraschender Weise mein Darm und das gleich mit großer Dringlichkeit, so dass ich meine Arbeit abbrechen muss und mich auf die Suche nach einer Toilette mache.

In Triplicane gibt es kaum richtige Restaurants und ich glaube nicht, dass die vielen kleine Geschäfte überhaupt Toiletten haben. Ich werde zunehmend unruhig, doch dann sehe ich eine Multi Cuisine Bakery, schick – die müssten eine Toilette haben! Den Kellner, der auf mich einredet dränge ich zur Seite. Ich frage nach der Toilette und er verweist auf die Hintertür.

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Die rettende Bäckerei

Blitzschnell bin ich durch die Tür, links im Raum sitzt ein überraschtes Mädchen, rechtnoch ein Raum mit einer Tür, dahinter, der ersehnte Ort!

Doch kein Klopapier? Nur Eimer und Schöpfbecher! Da bleibt mir wohl nichts anderes uebrig, als mich wie so alle anderen Menschen hier zu waschen.

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Eimer und Schöpfkrug sind die ultimativen Hilfsmittel im indischen Badezimmer, quasi Dusche und Klopapier in einem!

Erlöst gehe ich zurück in den Verkaufsraum, nur um mit den drei Bäckertöchtern konfrontiert zu werden, die bei meinem Anblick in schallendes Gelächter ausbrechen.

Hm, wie Würde bewahren in dieser Situation? Ich schnappe mir schnell eine Cola aus einem Kühlschrank in der Ecke und setze mich vor den laufenden Fernseher, spiele auf Zeit.

Später bestelle ich mir noch eine Pizza und dann ist es auch schon Zeit zur Polizei zu gehen.

Mein Freund und Helfer

Empfangen werde ich schon vor der Wache von Kumar, meinem Fahrer. Der hat extra seinen Onkel, einen Verkehrspolizisten mit zwei Sternen auf der Schulter mitgebracht.

Auch der möchte kurz meine Geschichte hören, bevor er mich mit einem Kopfnicken in die Wache schickt.

Dort werde ich von einer Gruppe mittelalter Beamter in Zivil empfangen. Sie möchten nochmal meine Personalien aufnehmen und dann heißt es: „The Inspector is waiting for you“.

Wir, denn mein rickschafahrender Freund weicht mir nicht von der Seite, gehen nun ein paar Meter weiter in die Polizeiwache, bis wir ein abgetrenntes Abteil erreichen, in dem der Inspektor hinter seinem Schreibtisch sitzt.

Er hat einen kahlen, kugelrunden Kopf der auf einem kleinen, untersetzten Körper sitzt.

Vor dem Schreibtisch des Inspektors steht ein merkwürdiger Stuhl. Die geflochtene Sitzfläche ist stark verformt, weißt lauter Einbuchtungen und Beulen auf. Dazu kommt, dass die Oberfläche des Flechtwerks im Durchschnitt bestimmt 10cm unterhalb des Holzrahmens liegt.

Ist der Stuhl etwa Teil einer teil einer perfiden Methodik, Verdächtigen jedes beliebige Geständnis abzuringen. Ich für meinen Teil beschließe vorerst stehenzubleiben und schaue mich weiter im Raum um.

Zeit dafür habe ich genug, der Inspektor schnauzt den Fahrer an und zwischen den beiden entspinnt sich eine lebhafte Diskussion.

An der Wand hinter dem Inspektor hängt eine große Tabelle, auf der die Fortschritte der Verbrechensbekämpfung im Einzugsbereich der Station Ice House abzulesen sind. Dank des überaus großen Einsatzes der Polizei ist die Zahl der Fahrraddiebstähle stark rückläufig, im ersten Quartal 2014 wurden nur noch 4 gestohlene Fahrräder gemeldet.

Umso mehr muss der Inspektor sich daher ärgern, dass ein mysteriöser Zwischenfall wie der Verlust meines Passes in seinem Zuständigkeitsbereich gemeldet wird. Kein Wunder, dass er so eine schlechte Laune hat.

Mittlerweile hat er den Fahrer zusammengestaucht, er wendet sich mir zu und bedeutet mir Platz zu nehmen. Der direkten Aufforderungen kann ich mich nur schlecht widersetzen und auf alles gefasst lasse ich mich nieder.

Doch Überraschung – der Stuhl ist erstaunlich bequem! Eher für fleißige, loyale Mitarbeit als für dreckige Verdächtige.

Ich erzähle ihm die Geschichte meines Passverlustes noch einmal genau. Wie ich den Pass kopiert habe. In dann wieder entgegengenommen und eingesteckt habe. Mich dann auf den Weg nach Hause gemacht habe. Und wie er dann, bei der nächsten Kontrolle des Inhalts meiner Taschen verschwunden war.

Er stellt ein paar Frage. Wo genau hab ich den Pass kopiert? Zu welcher Uhrzeit? Wo genau habe ich den Verlust bemerkt?

Mit der Genauigkeit meiner Angaben nicht zufrieden, ruft er seinen Assistenten zu sich und zu viert machen wir uns auf den Weg zur Rickscha meines Fahrers.
Der Inspektor und ich dürfen hinten Platz nehmen, sein Assistent quetscht sich neben den Fahrer. Dann fahren wir den Tatort ab.

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Er war doch irgnendwo … In dieser Gegend habe ich meinen Pass verloren.

Leider hat der Copyshop geschlossen. Der Inspektor ist sichtbar unzufrieden und mir schien es fast als würde der Inspektor für einen Moment an meiner Glaubwürdigkeit zweifeln.
Er schnautzt die Nachbarn an und eine junge Frau lugt mit entsetzten Gesichtsausdruck kurz durch einen Türspalt. Doch die Nachbarn bestätigen die Richtigkeit meiner Angaben und so geht es eben unverrichteter Dinge wieder zurück zur Wache.

Dort wirde mir dann erklärt, dass der Verlust meines Passes nicht in die Zuständigkeit der Station Ice House fällt, sondern in den der Wache Zom Bazaar. Aber – kein Problem, der Assisten würde mich hin fahren. Also los gehts, auf einer flotten Honda. Die Helmpflicht wird in Indien auch von der Polizei meistens missachtet und so kann ich die halsbrecherische Slalomfahrt durch die verstopften Gassen Triplicanes hautnah genießen. Keine 5 Minuten Fahrt und schon erreichen wir bei der nächste Wache.

Wir werden wieder direkt zu den diensthabenden Offizieren vorgelassen und wieder darf ich meine Geschichte erzählen. Danach entspinnt sich eine Diskussion zwischen den drei Offizieren und dem Assistenten. Das überraschende Resultat – sie erklären sich für unzuständig.

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Die Wache auf der Anna Salai. Hier bekomme ich meine FIR.

Da ich im Einzugsbereich der Wache Anna Salai wohne, muss ich dort auch die Verlustmeldung aufgeben. Aber kein Problem, der nette Assistent fährt mich ja.
Dort angekommen geht alles ganz schnell! Nach einer knappen Stunden habe ich mein Formular in der Tasche. Da sage doch jemand etwas gegen die Polizei in Indien.

Epilog

Zu Hause gibts dann noch eine Überraschung. Der kleine Fahrer kommt zu mir und beklagt sich bitterlich. Die Polizei habe ihn festgehalten, geschlagen und seine kompletten Tageseinahmen geraubt!?

Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob der Geschichte zu trauen ist. Aber immerhin hat er sich für mich eingesetzt und dass ist doch ein Belohnung wert.

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