Indian Rainbows

Truth is a Pathless Land

Die Luft ist ungewohnt schwer. Etwas ist in Bewegung geraten. Der kühle Südwind wiegt das lange, trockene Gras. Die Papageien spüren es, unruhig keckern sie von den Bäumen herab, fliegen auf nur um sich im nächsten Baum niederzulassen. Seit zwei Jahren herrscht Dürre, doch heute ist der Himmel wolkenverhangen und grau. Alles wird still, dann kommt das Mädchen um die Ecke und sagt „It is raining“. Das Prasseln des Regens fällt ihr ins Wort und die Anspannung der Natur löst sich in Pfützen und Regenbächen auf.

Zum Abschluss meiner Zeit im Kloster hatte ich mein zweites Vipassana geplant. Fünf Monate Kontemplation im Kloster mit zehn Tagen intensiver Meditation krönen. Doch das Wetter wollte nicht mitspielen. Chennai wurde in diesem Winter von einem Zyklon nach dem anderen heimgesucht, ein weiterer verwüstet die Stadt während ich diese Zeilen schreibe. Das Vipassana Zentrum steht unter Wasser und den Organisatoren blieb nichts anderes übrig als den Kurs abzusagen.

In Hyderabad, ein paar hundert Kilometer weiter nordöstlich, herrscht dagegen schon seit zwei Jahren Dürre. Ich war zu Besuch bei meinen Freund Subbu als ich die Absage vom Dhama Sota Zentrum bekam. Was nun? Ich hatte mich wirklich auf das Retreat gefreut, was sollte ich nun mit den zehn gewonnenen Tagen anfangen?

Google sei Dank war schnell eine Lösung gefunden. Ich stieß auf die Webseite des Krishnamurti Zentrums in Hyderabad und ein Anruf genügte um mir ein Zimmer auf dem wunderschönen Campus in Naimisam zu organisieren. Wie auch das Vipassana läuft das Krishnamurti Zentrum auf Spendenbasis, erwartet werden ca. 500 Rupien pro Tag für Essen und Unterkunft.

Ich hatte vorher von Krishmurti nur am Rande erfahren, auf einem Workshop zu Sri Aurobindo und auf meiner Wikipedia Recherche über die Theosophische Gesellschaft. In der Tat hat Jiddu Krishmurti eine denkwürdige Biographie. Er wurde in seiner Jugend von Vertreten der Theosophischen Gesellschaft als „Behältnis“ des Maitreya erwählt und sollte zum Messias aufgezogen werden. Seine Jünger formierten sich in der „Order of the Star“ und erhofften sich von ihm die Offenbarung einer neuen Weltordnung. Diesem Anspruch erteilte er vor dreitausend Mitgliedern der „Order of the Star“ in Varanassi eine Absage und trat vom Amt des Messias zurück.

In der Folge entwickelte er eine Philosophie die der organisierten Religion und dem Guruwesen abschwört und die spirituelle Entwicklung der Verantwortung des Individuums übergibt. Dabei gibt es seiner Auffassung nach kein Patentrezept zur Befreiung – „Truth is a Pathless Land“. Selbstbeobachtung und -verständnis ersetzen religiöse Riten und ritualisierte Mediations- oder Yogapraktiken. Die Auslöschung des Egos (er nennt es Selbst), die Befreiung, geschieht dabei ganz automatisch, sobald wir sein Wesen durchschaut haben.

Seine Psychologie weist eine große Nähe zum Buddhismus auf. (Ohne, dass er besonders mit dem Buddhismus vertraut zu sein scheint, in einer Diskussionrunde verwechselt er „Samskara“ und „Samsara“, beide Begriffe sind ihm nicht bekannt.) Oft liest sich Krishnamurti wie eine modern formulierte Auslegung der Lehre Buddhas. Folgt man ihm, so konstruiert sich das Ego aus Gefühl, Gier und Erinnerung.

Genau in dem Moment in dem wir eine angenehme Erfahrung im Gedächtnis ablegen und das Erfahren so beenden erschaffen wir eine Sehnsucht in den Zustand des Erfahrens zurückkehren, ein angenehmes Gefühl wird mit der Erinnerung, einem Bild oder Wort im Gedächtnis verbunden.

Gleichzeitig sind wir mit der Gegenwart nicht mehr zufrieden, wir streben danach erneut den vergangen Glückszustand herzustellen und erschaffen so das denkende Ego, das umgehend beginnt das Glück in der Zukunft zu planen. So wird die Gegenwart auf ein Mittel der Konstruktion einer idealisierten Zukunft eingeengt und alle Erfahrung wird unter diesem Blickwinkel beurteilt. Dabei ist Denken stets auf die Vergangenheit bezogen, da es sich grundsätzlich nur auf Bekanntes, das Gedächtnis stützen kann. So sind Gier und Ego untrennbar miteinander verbunden.

Das Ego schiebt sich zwischen die unmittelbare Erfahrung und uns, es zerteilt uns in den Erfahrer und das Erfahrene, den Kontrolleur und das Kontrollierte, den Beurteiler und das Beurteilte. So entsteht Unordnung, Unfrieden in unserem Kopf, das Ego grenzt sich gegen das Bestehende ab und versucht es zu seinen Gunsten zu ändern. Im Kopf entsteht der Gedankenfluss der die Gegenwart immer unter dem Blickwinkel der Zukunft betrachtet und sie zu verändern strebt. So konstruiert es ein Idealbild (von uns und unserer Umwelt), unter dessen Wertmaßstäben die Gegenwart beurteilt wird.

Doch mit der Abgrenzung und Einengung beginnen Angst und Ablehnung. Angst vor dem Tod, Angst vor Versagen, Angst vor Fremden, vor Einsamkeit und Unbedeutsamkeit oder auch Abneigung gegen Andersdenkende, die nicht mehr ins Bild passen. Das Ego ist dabei untrennbar mit dem Denken in Symbolen verbunden. (Denken ist allerdings nur schädlich, wenn es auf die eigene Lebenswelt und Psyche bezogen ist, für objektives Wissen ist es unerlässlich und auch unschädlich.) So folgt Leiden aus Gier.

Eine Abwehrstrategie des Egos gegen die Angst ist die Identifikation, mit einer Fußballmannschaft, einer Nation, einer Marke, einer Idee, dem Lebenspartner oder Kind, kurzum einem Objekt, das die Schwäche, Kurzlebigkeit und Belanglosigkeit der eigenen Existenz überdecken soll.

Identifikation löst das Problem allerdings nicht, es überdeckt es nur und das Leiden geht im Hintergrund weiter. Außerdem schafft die Identifikation eine Reihe neuer Probleme, wenn sich beispielsweise Eltern zu stark mit ihrem Kind identifizieren degradieren sie es zum Objekt ihrer eigenen Interessen, gleiches gilt in Partnerschaften. Identifikation mit Ideen teilt in Gut und Böse, gebiert Hass und Zerstörung, egal ob es sich um Kommunismus, Islamismus, eine westliche Wertegemeinschaft, Veganismus oder Buddhismus handelt. Das Ego beurteilt die Gegenwart, die Realität immer unter dem Blickwinkel der „großen Idee“, im Hinblick auf einen Zweck der aus der Vergangenheit konstruiert wurde und die Zukunft weist.

Das Ego ist also unser Konflikt zwischen dem was ist und dem was sein soll, solange es existiert ist Zufriedenheit nicht möglich. In den wirklichen schönen Momenten des Lebens ist es ja auch abwesend, Erfahrung und Erfahrer sind nicht getrennt und wir sind nicht damit beschäftigt die Gegenwart zu beurteilen, bewerten.

Sein Ausweg aus dem Dilemma? Einsicht! Neutrale Selbstbeobachtung gibt Einblick in die Funktionsweise des Egos und hat man diesen Mechanismus durchschaut verschwindet das Ego. Dauerhaft. Er gibt dabei keine Techniken vor und rät von traditionellen Techniken wie Yoga und Meditation ab, wer blind einem Pfad folgt stumpf ab und der vermeintliche Weg zu Erleuchtung verwandelt sich in ein weiteres Identifkationsobjekt. Wichtig dagegen ist ein offener Geist, der sich selbst erforscht, sich in Frage stellt und sich so versteht. Wie man das am besten macht muss man selber herausfinden.

Krishnamurti hat in vielen seiner Beobachtungen recht, allerings gehe ich nicht mit allen seinen Schlußfolgerungen konform. Bei ihm läuft der Befreiungsprozess immer ruckartig, revolutionär ab, wenn das Wesens des Ego erfasst wurde. Meiner Meinung nach wird das Ego allerdings mit steigender Selbstakzeptanz kleiner, da der innere Konflikt abnimmt, die Diskrepanz zwischen dem „Was ist“ und dem „Was sein soll“. Daher sind alle Techniken die Selbstakzeptanz fördern durchaus nützlich und man kann sich da durchaus auch auf die Erfahrung andere verlassen.

Ich habe in dieser Woche wahrscheinlich mehr gelernt, als ich es auf einem Goenka Vipassana getan hätte. Vipassana Mediation hat grundsätzlich das gleiche Ziel und auch eine ähnliche Theorie, nur habe ich Dank Krishnmurti den Hintergrund der Medition viel besser verstanden und weiß so, worauf ich zu achten haben. Das hat sich auch in meiner persönlichen Praxis bemerkbar gemacht, ich bin einen Schritt vorangekommen. Krishnamurtis Bücher sind im Internet frei verfügbar, ich kann „A light upon yourself“ als Buch über Meditation sehr empfehlen, auch die beiden anderen Bücher (Commentaries on Living, The First and the Last Freedom) die ich gelesen waren sehr interessant.

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