Indian Rainbows

Warum Kalimpong?

Was machst du in fünf Jahren? Vor fünf Jahren kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: “Ich bin Geschäftsführer einer erfolgreichen Technologiefirma. Wir bauen gerade den ersten Produktionsstandort in Malaysia auf und stellen nächsten Monat den vierzigsten Mitarbeiter ein.”

Eben was die Venture Kapitalisten, Business Angel und Gutachter hören wollen, wenn man Sie um Geld bittet. So richtig konnte ich mir das zwar auch damals nicht vorstellen, aber im Bereich des Möglichen lag es alle mal. Aber irgendwie hatte ich schon damals immer weniger Lust auf Technologie.

Heute begeisternd, in zwei, drei Jahren Elektroschrott. Hat man diesen Zyklus lange genug mitgemacht, stellt sich automatisch Ermüdung ein und man hört auf den Fortschritten der Informationstechnologie große Bedeutung zuzumessen. Wenn schon Technologie, dann doch eher etwas das den Menschen und der Umwelt nützt.

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Das waren noch Zeiten: Die FDP in der Regierung! Und ich der Chef von TOWI Solutions. Foto:  Iris Klöpper

Doch dem innerlichen Wandel zum Trotz, war ich noch immer in der Rolle als Geschäftsführer gefangen und damit zusehends unzufrieden. Mit der Unzufriedenheit wuchs auch die Sehnsucht nach einer Alternative, nach einem Leitfaden für ein besseres Leben.

Bisher war ich immer der liberalen Maxime gefolgt meine Optionen zu maximieren. Eine Firma zu gründen war da nur konsequent und auch der beste Weg meine erworbenes Wissen zu nutzen. Mehrwert wird nun einmal ausschließlich in der Privatwirtschaft geschaffen! Und wir brauchen schließlich innovative, exportstarke Unternehmen, sonst spielt Deutschland bald nur noch in der zweiten Liga!

Ich habe gut lachen. In der Shedra lebt es sich sehr angenehm.

Ich habe gut lachen. In der Shedra lebt es sich sehr angenehm.

Doch aus TOWI wurde kein Hidden Champion und so blieb es bei einer kurzen Karriere als CEO. Nachdem wir den Beschluss gefasst hatten, TOWI Solutions nicht mehr weiterzuführen, war ich mir über meinen weiteren Lebensweg völlig im Unklaren.

Technologie wollte ich eigentlich nicht mehr entwickeln, andere Ideen gab es zwar viele, aber wirklich begeistert hat mich davon keine. Und daher beschloss ich im Dezember 2014, wie so viele Sinnsucher vor mir nach Indien zu reisen.

Und tatsächlich fand ich dort eine Reihe anderer, ganzheitlicherer Lebensmodelle. In Auroville, der Stadt der Zukunft, fand ich eine ganze Stadt, die sich dem Integralen Yoga (alles ist Yoga!) Sri Aurobindos verschrieben hat und Fortschritt mit Spiritualität verbindet. In Sadhana Forest ein Projekt, in dem sich alte Stammesstrukturen mit postmoderner Weltanschauung zu einer erstaunlich produktiven und kreativen Organisation verbinden. Im Ashram von Amma stieß ich auf Menschen, die die Hingabe an ihren Guru kultivieren, um so ihren Egoismus zu überwinden und Mitgefühl zu entwickeln.

Überall in Indien traf ich auf Menschen, die sich vom Modell der Maximierung des Nutzen verabschiedet hatten und ihr Leben nach spirituellen Maßstäben ausrichten. Und sie fahren offensichtlich gut damit. Es wird zwar überall viel gearbeitet, über Stress hat sich aber nie jemand beklagt. Denn es geht weniger darum viel zu leisten und zu verdienen, sondern darum es mit richtigen Haltung zu tun. Arbeit ist dann kein Leid mehr, sondern wird zu einer Art Gottesdienst.

Stadt in den Wolken. Der Sonnenauf- und untergang wird hier oft vom Spiel der Wolken geschmückt!

Stadt in den Wolken. Der Sonnenauf- und untergang wird hier oft vom Spiel der Wolken in den Bergen geschmückt.

In Deutschland ist das Gegenteil der Fall. Sozialversicherung, Arbeitnehmervertretungen, Gleichstellungsgesetze und dergleichen können letztlich nicht verhindern, dass wir Menschen auf unseren Mehrwert reduziert werden. Die Konzentration auf materiellen Wohlstand erweist sich als Falle. Denn Wachstum wird letztlich immer durch erhöhten Anpassungsdruck an die Bedürfnisse der Wirtschaft erkauft.

Und das hat gravierende Auswirkungen auf die Befindlichkeit. Wenn man die ausgelassene Fröhlichkeit, die die Armen in Kalkutta an den Tag legen, wenn sie sich auf dem Bürgersteig gegenseitig den Rücken schrubben, mit den verkniffenen Gesichtern in der Berliner U-Bahn vergleicht, liegt der Schluss nahe, dass der Preis des Wohlstands schlicht und ergreifend zu hoch ist.

Zum Abschluss meiner ersten Indienreise besuchte ich dann einen Vipassanakurs. Zehn Tage meditieren und schweigen. Tagelang nur die eigene Atmung, den eigenen Körper beobachten. Die eigene Reaktion auf unterschiedliche Erinnerungen wahrnehmen. Unverfälscht, da es keine Kommunikation gibt. Im Grunde genommen eine sehr gründliche Psychoanalyse. Während des Vipassanas wurde mir klar, wie wenig ich bisher meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen gefolgt, sondern einfach nur dem vorgegebenen, vermeintlich bequemsten und angenehmsten Weg gefolgt bin.

Lehrer der Lehrer. Später wird in Teil der Mönche in Europa Dharma lehren.

Lehrer der Lehrer. Später wird in Teil der Mönche in Europa Dharma lehren.

Nach meiner Rückkehr war ich ein anderer Mensch. Meine Freunde waren ganz erstaunt, ich bekam dauernd Komplimente. Ich sähe besser aus, wirke männlicher und glücklicher, sei selbstbewusster und ruhiger. Der innere Wandel hatte auf mein Äußeres durchgeschlagen.

Wichtiger sind aber die Veränderungen im Geist. Mittlerweile sehe ich Situationen viel offener als früher. Feste Vorstellungen verschwinden mehr und mehr und ich kann mich besser auf den Moment einlassen. So erlebe ich eine Freiheit, die früher für mich nicht vorstellbar war. Mein Leben bewegt einfach so in die richtige Richtung, ohne dass ich dafür besonders viel Kraft investieren müsste. Aber obwohl ich schon stärker geworden bin, fehlte es mir doch noch an Kraft. Gefühle sind ansteckend! Die bundesdeutsche Verdrießlichkeit hätte mich mit der Zeit zermürbt, die allgegenwärtige Angst mitgerissen.

Daher habe ich noch während meiner ersten Reise, in Indien beschlossen zurückzukehren. Diesmal in ein buddhistisches Kloster. Viel meditieren und so meinen Geist stärken. Und gleichzeitig mein Wissen mit den Mönchen teilen. Buddhismus ist die Religion, die sich am einfachsten mit dem modernen, wissenschaftlichen Weltbild verbinden lässt.

Aber bisher gibt es noch zu wenig Austausch, die Mönche in der Diwakar Buddhist Academy in Kalimpong folgen zum größten Teil immer noch ihrem jahrhundertealten Curriculum. Damit sie auch mit normalen Westlern über Buddhismus sprechen zu können, brauchen sie Englischkenntnisse und auch etwas Allgemeinbildung. Und richtig interessante Gespräche kommen natürlich auf, wenn man mit den Professoren über buddhistische Philosophie und ihr Verhältnis zum wissenschaftlichen Weltbild diskutiert..

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